--- title: >- Leo Carruthers: „In den Wendungen von Geschichten liegt ein Echo göttlicher Vorsehung“ updated: 2024-03-12 15:11:48Z created: 2024-03-12 15:11:48Z source: >- https://www.philomag.de/artikel/leo-carruthers-den-wendungen-von-geschichten-liegt-ein-echo-goettlicher-vorsehung --- Tolkien war tief im katholischen Glauben verwurzelt, dennoch ist sein Werk keine Apologetik, meint der Mediävist Leo Carruthers. Vielmehr scheint seine götterlose Mythologie vom Licht einer „unsichtbaren Lampe“ durchstrahlt. **Kann man Tolkien als katholischen Autor bezeichnen?** Man muss unterscheiden zwischen einem katholischen Autor und einem Katholiken, der Autor ist. Nur weil jemand katholisch ist, heißt das nicht, dass auch seine Werke es sind. Das kann man von Tolkiens Büchern tatsächlich nicht behaupten. Sie enthalten nichts, was spezifisch christlich wäre. In *Der Herr der Ringe* wird Gott nirgends erwähnt, es gibt keine Szene, die man religiös nennen könnte. Es gibt zwar ein göttliches Wesen, Eru, aber es greift fast nie direkt ein, und auch seine „Engel“, die Valar, halten sich von Mittelerde fern. Das heißt natürlich nicht, dass Tolkiens Glaube keinen Einfluss auf sein literarisches Werk hatte: Er selbst sagt, dass die Geschichte des Rings „von Grund auf ein religiöses und katholisches Werk“ ist. Dies bleibt jedoch implizit. Religiöse Elemente sind in die Geschichte eingewoben, treten aber nicht in den Vordergrund. Wie ihm ein Leser schrieb, ist Mittelerde „eine Welt, in der eine Art Glaube überall zu sein scheint, ohne sichtbare Quelle, wie Licht aus einer unsichtbaren Lampe“. Dies wird auch Louis Bouyer, Tolkiens Freund und einer seiner ersten Leser und begeisterten Rezensenten in Frankreich, hervorheben. Es werde keinmal der Name Gottes erwähnt und dennoch trage der Text einen christlichen Geist. Insbesondere die Tugenden der Figuren – Mut, Loyalität, Opferbereitschaft und Selbstverleugnung – haben Anklänge ans Christentum. Es handelt sich jedoch keineswegs um ausschließlich christliche Tugenden. Die hoffnungsvolle Haltung der Helden und die Ahnung bei manchen Figuren wie Gandalf, dass es eine Vorsehung gibt, verweisen auf eine Art „natürliche Theologie“. **Tolkiens Geschichten sind also keine Allegorien – weder religiöser noch anderer Art?** Tolkien ist der Ansicht, dass seine Fiktionen um ihrer selbst willen gelesen werden sollten, sie haben eine symbolische Dimension, aber sie sind keine Allegorien. Die intentional gestaltete Allegorie wird „von der Absicht des Autors beherrscht“: Sie macht die Geschichte zu einem bloßen Vorwand, um eine Idee zu inszenieren. Das Symbol hingegen verbirgt nichts, es steht nur für das, was es erzählt. Der Ring sagt etwas über das Böse, über Macht, über den Wunsch, andere zu beherrschen, aber nichts darüber hinaus, jedenfalls wenn man der Absicht des Autors folgt. Das schließt nicht aus, dass es eine gewisse „Anwendbarkeit“ gibt – beispielsweise den Ring als Allegorie für Atomwaffen zu sehen. Doch diese Anwendbarkeit hängt mit der freien Interpretation des Lesers zusammen. **Aus der Innensicht wären die Bezüge zum Christentum außerdem inkohärent, da Mittelerde als die mythische Vergangenheit unserer Welt dargestellt wird …** ### Testen Sie **Philosophie Magazin +** mit einem Digitalabo **4 Wochen kostenlos** oder geben Sie Ihre **Abonummer** ein \- Zugriff auf alle **PhiloMagazin+** Inhalte \- Jederzeit kündbar \- Im Printabo inklusive [Hier registrieren](https://www.philomag.de/user/register) **Sie sind bereits Abonnent/in?** [Hier anmelden](https://www.philomag.de/user/login?destination=/node/32694) **Sie sind registriert und wollen uns testen?** [Probeabo](https://www.philomag.de/abonnements) ## Weitere Artikel Gespräch 13 min ### [Was ist Tolkiens Zauber?](https://www.philomag.de/artikel/was-ist-tolkiens-zauber "Was ist Tolkiens Zauber?") Jana C. Glaese 21 Juli 2022 Tolkiens Geschichten handeln von Zwergen, sprechenden Bäumen und anderen ungewöhnlichen Kreaturen. Ist das nostalgische Nischenliteratur? Oder führt er eine große... * * * Artikel 9 min ### [Krzysztof Charamsa - Durch die Gnade der Liebe](https://www.philomag.de/artikel/krzysztof-charamsa-durch-die-gnade-der-liebe "Krzysztof Charamsa - Durch die Gnade der Liebe") Alexandre Lacroix 01 Oktober 2017 Krzysztof Charamsa war einer der Leiter der Kongregation für die Glaubenslehre – der Erbin der Inquisition –, bis er in einem spektakulären Akt dem Vatikan den Rücken kehrte. Seit seinem Coming-out im Jahr 2015 stellt er in einem Feldzug gegen die... * * * Artikel 9 min ### [Herr der Worte](https://www.philomag.de/artikel/herr-der-worte "Herr der Worte") Helena Schäfer 21 Juli 2022 John Ronald Reuel Tolkien erlebt frühen Verlust, tiefe Freundschaft und die blutigste Schlacht des Ersten Weltkriegs, bevor er als Oxford-Professor zur Ruhe... * * * Artikel 6 min ### [Mit Tolkien auf die Barrikaden](https://www.philomag.de/artikel/mit-tolkien-auf-die-barrikaden "Mit Tolkien auf die Barrikaden") Friedrich Weißbach 21 Juli 2022 Vielen gilt Tolkien als Verfechter einer vormodernen, traditionellen Gesellschaft. Doch sein Werk lässt sich auch anders lesen: als Inspiration für aktuelle Widerstands-... * * * Artikel 8 min ### [Judith Butler und die Gender-Frage](https://www.philomag.de/artikel/judith-butler-und-die-gender-frage "Judith Butler und die Gender-Frage") Camille Froidevaux-Metteries 01 Dezember 2016 Nichts scheint natürlicher als die Aufteilung der Menschen in zwei Geschlechter. Es gibt Männer und es gibt Frauen, wie sich, so die gängige Auffassung, an biologischen Merkmalen, aber auch an geschlechtsspezifischen Eigenschaften unschwer erkennen... **Camille Froidevaux-Metteries** Essay hilft, Judith Butlers schwer zugängliches Werk zu verstehen. In ihm schlägt Butler nichts Geringeres vor als eine neue Weise, das Subjekt zu denken. Im Vorwort zum Beiheft beleuchtet **Jeanne Burgart Goutal** die... * * * Artikel 2 min ### [Brauchen wir massive Betschemel?](https://www.philomag.de/artikel/brauchen-wir-massive-betschemel "Brauchen wir massive Betschemel?") Markus Krajewski 15 Februar 2014 Gegen die unablässige Selbstbespiegelung und den damit einhergehenden medialen Narzissmus elektronischer Sozialprogramme von Facebook et al. scheint kein Kraut gewachsen. Zwischen Twitternden und Pinteressierten rückt der private Raum... * * *