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Solarstrom: Stromrevolution aus dem Allgäu https://www.zeit.de/green/2021-10/solarstrom-sonnen-gmbh-virtuelles-kraftwerk-heimspeicher-stromanbieter-tesla?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Solarstrom: Stromrevolution aus dem Allgäu

Wenn Oskar Stenzel auf seine Sonnen-App schaut, fühlt er sich als Teil von etwas Großem. Er sieht, fast in Echtzeit, wie sein Stromverbrauch steigt, sobald er die Waschmaschine anschaltet, und wie viel Strom die Solarzellen auf seinem Bungalowdach produzieren, wenn die Sonne hervorkommt. Wie hoch der Ladestand in der weißen 1,80 Meter hohen Speicherbatterie im Hauswirtschaftsraum ist. Und er sieht sogar, wie hoch die Frequenz des deutschen Stromnetzes gerade ist. Ob es etwas mehr oder etwas weniger als die 50 Hertz sind, die es braucht.

Dieses ganze große Hauptnetz beeinflusst Stenzel jetzt mit. Ist die Spannung zu hoch, weil an der Küste viel Wind weht, nimmt Stenzels Speicherbatterie im Hamburger Speckgürtel etwas von dem Strom auf. Ist sie zu niedrig, speist sie Strom ein. Die Entscheidung trifft in Sekundenschnelle eine zentrale Software mithilfe von künstlicher Intelligenz.

Oskar Stenzel ist einer Gemeinschaft von Energieerzeugern beigetreten. Die sogenannte Sonnen-Community besteht aus mehreren Zehntausend Mitgliedern, gemeinsam formen sie einen über Deutschland verstreuten Großspeicher, ein virtuelles Kraftwerk. Für die Klimawende ist es notwendig, dass die Schwankungen bei erneuerbaren Energien anders ausgeglichen werden als wie bisher mit Kohle- oder Atomstrom. Als Mitglied dieses Kraftwerks versteht Stenzel sich als Teil der Lösung.

Gigafactory 4 - Tesla veranstaltet Tag der offenen Tür in Grünheide Ab Dezember sollen in der Tesla-Gigafactory die ersten Fahrzeuge vom Band gehen. An diesem Samstag konnten Besucherinnen und Besucher auf dem Gelände Riesenrad fahren. © Foto: Annegret Hilse/Reuters

Es ist eine Idee, an der auch Tesla arbeitet. Anfang der Woche meldete der E-Auto-Pionier aus dem Silicon Valleyer wolle in den deutschen Energiemarkt eintreten. Der Stromtarif für Besitzer von Powerwalls, Teslas Speicherbatterien, gilt als möglicher erster Schritt hin zu einem virtuellen Tesla-Kraftwerk, wie es der E-Autohersteller in Australien aufbaut.

Die Sonnen GmbH jedoch, ein mittelständischer Speicherhersteller aus dem Allgäu, hat diese Idee in Deutschland bereits 2016 umgesetzt. Dass die Welt trotzdem erst jetzt aufhorcht, erklärt sich Geschäftsführer Oliver Koch damit, dass man "die absolute Vorreiterrolle Teslas bei E-Autos auf alle anderen Bereiche überträgt". Dass ein Gigant wie Tesla jetzt diesen Schritt geht, sieht er als Bestätigung der eigenen Unternehmensstrategie.

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Oliver Koch ist seit dem 1. Oktober 2020 der Geschäftsführung der sonnen-Gruppe. © Hermann Rupp/sonnen GmbH

Dabei klingt es ja schon etwas schräg: In Wildpoldsried, Landkreis Oberallgäu, soll man sehr viel weiter sein als im so häufig als Zukunftsschmiede beschworenen Silicon Valley? Dass dem so ist, dürfte auch mit Teslas erstem deutschen Vertriebsleiter zusammenhängen: Philipp Schröder. Elon Musk warb den damals 29-jährigen Manager den Allgäuern 2013 ab. Von Tesla lernt Schröder, wie man schnell einen Markt aufrollt und ein nachhaltiges Produkt sexy macht. Kaum hat er aber Teslas Model S in Deutschland eingeführt, wechselt er zurück zu Sonnen Tesla sei ihm zu corporate geworden, sagte er einst in einem Interview. Bei seinem alten Arbeitgeber wird er für gut drei Jahre Geschäftsführer für Vertrieb und Marketing.

In dieser Zeit entsteht die Sonnen-Community. Zunächst einmal geht es darum, dass die Mitglieder Strom miteinander teilen, um sich komplett unabhängig von Energieversorgern zu machen. "Wenn wir mehr Strom produzieren, als wir verbrauchen oder speichern können, geben wir ihn an die Community ab und bekommen dafür Strom von anderen Mitgliedern, wenn wir einmal nicht genug haben", sagt Oskar Stenzel. Zwar speisen alle ihren überschüssigen Strom ins allgemeine Netz ein, aber die Smart Meter sorgen dafür, dass er den Community-Mitgliedern zugerechnet wird.

Im nächsten Schritt beginnt die Community, selbst als Energieversorger aufzutreten. Drei Jahre, bis Ende 2018, dauerte es, bis das Unternehmen die Zulassung für primäre Regelenergie vom Übertragungsnetzbetreiber Tennet bekommt. "Das klingt jetzt nach einem Formular, aber das war richtig, richtig aufwendig. Die deutschen Netzbetreiber sind sehr konservativ", sagt Koch. Zusammen erbringen die Heimspeicher mittlerweile eine Leistung im zweistelligen Megawatt-Bereich. Er nennt das "eine ordentliche Hausnummer". Ein Kohlekraftwerk liege zwar im Hunderterbereich, aber nur ein kleiner Teil dieser Leistung ginge in den Netzausgleich.

Auch die Bundesnetzagentur sieht in vernetzten Stromspeichern großes Potenzial: Laut Netzentwicklungsplan könnten Photovoltaik-Heimspeicher bis 2035 rund 17 Gigawatt Leistung zur Verfügung stellen so viel wie rund 17 große Kraftwerke.

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Die sonnen-Batterie speichert selbst erzeugte Energie aus der Photovoltaikanlage. Das Versprechen: Dadurch macht man sich unabhängig von traditionellen Energiekonzernen. © Johannes Paul Häußler/sonnen GmbH

Oskar Stenzel bekommt seinen Beitrag fürs große Ganze in Form einer Gewinnbeteiligung und einer Rückvergütung zum Jahresende ausgeglichen. Der Strom aus der Community kostet ihn nichts, weil er die Null-Euro-Flatrate von Sonnen abgeschlossen hat. Speist er mehr ein als er sich aus der Gemeinschaft holt, gibt es Geld zurück. "Wir haben die Anlage erst seit Juni, deshalb weiß ich noch nicht, wie viel es genau sein wird, wahrscheinlich zwischen 50 und 100 Euro. Jedenfalls ist es ein Ansporn, sorgsam mit dem Strom umzugehen", sagt Stenzel. Geht der ganzen Community einmal der Strom aus, beziehen die Mitglieder kostenlos konventionellen Ökostrom.  

Schmerzhaft sei lediglich die Anfangsinvestition in die Anlage: Für Batterie und Solarmodule müsse man schon mit einer Summe zwischen 25.000 und 30.000 Euro rechnen, sagt Stenzel. Mit seiner vierköpfigen Familie würde er allerdings auch so etwa 1500 bis 2000 Euro im Jahr an einen anderen Stromanbieter zahlen, Tendenz derzeit stark steigend. "Wir haben berechnet, dass die Anlage bei drei Prozent Inflation sich nach etwa dreizehn Jahren rechnet", sagt Stenzel.

Oskar Stenzel tritt gerne als Botschafter für Sonnen auf. Etwa wenn die Nachbarn neugierig sind, was es mit dem Charger an der Hauswand auf sich hat, mit dem er sein E-Auto lädt, und wie das funktioniere mit den Solarpanels und der Batterie. Dann erklärt er, dass die Photovoltaik-Panels nur Licht brauchen, um Strom zu erzeugen, und dass er sich sogar hier, im nicht gerade sonnengeküssten Norden Deutschlands, von Mitte März bis Ende September komplett autark versorgen könne. "Nur von Oktober bis Anfang März brauche ich ab dem Abend auch Strom aus der Community", so Stenzel.  

Ein wenig bedauert Stenzel, sich mit den Community-Mitgliedern nicht auch persönlich austauschen zu können. Seine App zeigt ihm die Mitstreiter nur als grobe geographische Punkte an Datenschutz. Solche Punkte sprenkeln mittlerweile den halben Globus: Um die 70.000 Sonnen-Community-Mitglieder gibt es weltweit. Komplette virtuelle Kraftwerke sind dieses Jahr in den USA entstanden, in Utah nehmen 600 Wohnungen daran teil, ein weiteres mit 3.000 Batterien ist in Kalifornien geplant.

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Seinen Hauptsitz hat das Energieunternehmen sonnen in Wildpoldsried. Inzwischen agiert es mit Niederlassungen vor Ort aber auch international, etwa in Großbritannien, Italien, den USA oder Australien. © Johannes Paul Häußler/sonnen GmbH

Weltweit arbeiten um die 850 Mitarbeiter für Sonnen. Am Standort Wildpoldsried sind es etwa 350. Genau genommen arbeiten sie mittlerweile für Shell: Auch der Ölkonzern muss sich breiter und grüner aufstellen und hat das Unternehmen 2019 gekauft. Viel geändert habe sich für die GmbH nicht, sagt Koch, der Mutterkonzern mische sich wenig ein. Aber Sonnen will seine Kapazitäten verzehnfachen.  

Neben den komplizierten Regeln im Energiemarkt bremst ein weiteres Phänomen die Wildpoldsrieder in ihrem Wachstumsdrang, zumindest in Deutschland: die schleppende Digitalisierung. "Die Grundvoraussetzung für eine digitale Energiewelt ist ein intelligenter Zähler. Der entspricht dem Modem für die Interneteinführung. Im Rest der Welt ist er längst Standard, bei uns nicht", sagt Oliver Koch. Während etwa in Dänemark und Schweden die Netzbetreiber überall Smart Meter installieren, muss Sonnen seine Kunden selbst mit diesen Geräten ausstatten. "Das macht die Sache unnötig zäh" sagt Koch. "Dass wir uns im Jahr 2021 noch damit beschäftigen müssen, ist aus energiepolitischer Sicht absoluter Wahnsinn."  

Oskar Stenzel spürt davon nichts. Er lebt als Verbraucher dank Smart Meter und Echtzeitrückmeldungen auf seiner App bereits in der Energiewelt der Zukunft. "Man bekommt dadurch schon einen emotionalen Bezug zum Strom", sagt er. Das Licht unnötig anlassen dürften seine Kinder also nicht, trotz Flatrate für Ökostrom. "Man entwickelt einen gewissen Ehrgeiz, so wenig wie möglich aus dem Netz zu ziehen. Und so viel wie möglich einzuspeisen."