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title: 'Soziale Ungleichheit: "Unsere Gesellschaft ist keine einheitliche Herde"'
tags:
- Interview
- Gesellschaft/Corona
- Gesellschaft
source: https://www.zeit.de/kultur/2021-04/soziale-ungleichheit-corona-krise-jens-beckert-soziologie/komplettansicht
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*Wir wollen die Virologen mit der Deutung der Lage nicht allein lassen. Deshalb fragen wir in der* [*Serie "Worüber denken Sie gerade nach?"*](https://www.zeit.de/serie/worueber-denken-sie-gerade-nach) *führende Forscherinnen und Forscher der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, was sie in der Krise zu bedenken geben und worüber sie sich nun den Kopf zerbrechen. Die Fragen stellt Elisabeth von Thadden. Der Soziologe Jens Beckert, 53, leitet das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln.* *Zuletzt erschien von ihm das Buch "Imaginierte Zukunft" (2018).*
**ZEIT ONLINE**: Worüber denken Sie gerade nach, Jens Beckert?
**Jens Beckert:** Ich denke darüber nach, dass sich in der [Pandemie](https://www.zeit.de/thema/pandemie) zeigt, wie schwer sich Deutschland damit tut, soziale Ungleichheit wahrzunehmen und also auf der Grundlage von faktischen Unterschieden darüber zu diskutieren, welche gezielten Maßnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19 politisch zu ergreifen wären.
**ZEIT ONLINE**: Was ist daran deutsch?
**Beckert**: Als die [Pandemie](https://www.zeit.de/thema/coronavirus) ausbrach, habe ich in den [Vereinigten Staaten](https://www.zeit.de/thema/usa) gearbeitet und dort zweierlei miterlebt: Zum einen, wie genau sich die amerikanische Gesellschaft, datengestützt und evidenzbasiert, selbst beobachtet und kennt. Daran fehlt es in Deutschland, wir verfügen über viele entscheidende Daten einfach nicht und tasten uns politisch daher durch den Nebel. Zweitens aber ist es auffällig, dass Deutschland über soziale Unterschiede kaum nachzudenken gelernt hat, während die USA, aber auch Großbritannien, einen facettenreichen Diskurs über die Klassengesellschaft und den Rassismus führen.
**ZEIT ONLINE**: Woran liegt das?
**Beckert**: Deutschland hängt immer noch der verbreiteten Vorstellung an, eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft zu sein, wie es der Soziologe Helmut Schelsky in den Fünfzigerjahren ausgedrückt hat. Oder auch, mit dem Wort von Ulrich Beck aus den Achtzigerjahren, dass es einen funktionierenden Fahrstuhl-Effekt gibt, durch den jeder gesellschaftlich nach oben gelangen kann. In der heutigen Bundesrepublik herrscht das Bild einer Gesellschaft vor, die eine Einheit bildet. Diese Illusion gibt es in den USA nicht und das zeigt sich auch in der Pandemie. In den USA wurde gleich breit diskutiert, dass die People of Color, die Geringverdiener und die sozial Ausgeschlossenen viel stärker durch die Pandemie betroffen waren. Dies feuerte auch die Proteste von [Black Lives Matter](https://www.zeit.de/thema/black-lives-matter) an, ein deutlicher Steuerungsauftrag an die Politik, dem [Joe Biden](https://www.zeit.de/thema/joe-biden) nun nachkommt.
**ZEIT ONLINE**: In Deutschland schützt ein Sozialstaat die Schwachen dafür besser. Besteht deshalb weniger Grund für öffentlichen Alarm über Ungleichheit?
**Beckert**: Die soziale Tragik ist hierzulande besser abgefedert, ja. Doch die Öffentlichkeit hat kaum und erst spät davon gehört, wie ungleich das Virus in der Gesellschaft sein Unwesen treibt und deshalb auch die notwendigen Schutzmaßnahmen nicht nach den Lebenswelten differenziert: Migranten, Geringverdiener, Bildungsferne sind deutlich stärker von der Infektionsgefahr und schweren Verläufen betroffen. So ungenügend die Datenlage ist, so sicher lässt sich diese Unterschiedlichkeit doch feststellen. Wenn unter Virologen [von Herdenimmunität die Rede ist](https://www.zeit.de/2021/15/corona-pandemie-ende-impfung-immunitaet-lockerungen), dann möchte ich als Soziologe entgegnen: Unsere Gesellschaft ist keine einheitliche Herde. Die Schlussfolgerung hätte daher schnell lauten müssen, dass bestimmte Stadtteile oder Unterkünfte, in denen viele Geringverdienende und Zugewanderte auf engem Raum leben, präventiv geschützt werden. Die besonders Gefährdeten sollten gezielt zuerst mit Masken, mit Tests, mit gezielten Informationen ausgestattet werden und möglichst auch durch privilegiertes Impfen.
**ZEIT ONLINE**: Ein solcher Schritt würde öffentlich vermutlich schnell als Diskriminierung anderer Art wahrgenommen. Denn tatsächlich sind die Inzidenzen in bayrischen und thüringischen Kleinstädten auch dramatisch hoch, es spielen also weitere Faktoren eine Rolle …
**Beckert**: Die politische Pandemiebekämpfung ist auch deshalb so mutlos, weil sie über diese sozial unterschiedlichen Faktoren fast nichts weiß. Das Wort wird von der Virologie geführt. Dieser virologisch bestimmte Diskurs aber enthebt uns der präzisen Frage danach, wo wie genau gehandelt werden könnte. Auf dem bayrischen oder thüringischen Land mag die Geselligkeit und Vertrauensseligkeit bei den Infektionen eine Rolle spielen, das ließe sich ja erforschen, aber die Dramatik liegt darin, dass wir es eben nicht wissen. Wir stehen ratlos vor ziemlich weißen Landkarten. Die vorliegenden Daten aus der Kontaktverfolgung werden wohl nicht ausgewertet, und die Datenerhebung ist zu einseitig oder zu sporadisch. So entstehen vor allem Impressionen, Meinungen, Vorurteile. Und ungenaue, zumal verspätete Inzidenzzahlen sind als Daten für politisches Handeln eben nicht hinreichend. In den USA wusste man hingegen schnell, welche Lebenswelten es besonders trifft, und über zielgenaue Maßnahmen wurde entsprechend debattiert.
## "Die Pandemie wird nicht einfach vorbei sein"
**ZEIT ONLINE**: Warum hat Deutschland mit seinen vielfältigen Spitzeninstitutionen und hervorragend finanzierten Forschungseinrichtungen keine tragfähige Datengrundlage zum Infektionsgeschehen, die dem ohnmächtigen Stochern im Nebel endlich ein Ende setzen könnte?
**Beckert**: Von Anfang an galten in dieser Pandemie fast nur die Virologen als Experten, auf die es ankam. Die empirischen Sozialwissenschaften sind kaum systematisch in die politische Entscheidungsfindung einbezogen worden. Doch es gibt auch eine Schwäche der Sozialwissenschaften selbst, die einfach nicht schnell genug und politikorientiert genug reagiert haben. Das liegt auch an den Unterschieden in den Traditionen: In den Vereinigten Staaten, auch in [Großbritannien](https://www.zeit.de/thema/grossbritannien), haben die Sozialwissenschaften viel stärker ein Selbstverständnis, empirisch gestützte Analysen zur Lösung sozialer Probleme zu liefern. In London wurde die angesehene London School of Economics einst eigens gegründet, um politische Reformprozesse sozialwissenschaftlich informiert zu unterstützen. An solchen Institutionen fehlt es in Deutschland weitgehend.
**ZEIT ONLINE**: Eine evidenzbasierte und schnell arbeitende Sozialwissenschaft müsste also zu den ersten Konsequenzen aus der Pandemie gehören. Aber was sind die weiteren Folgen? Wie geht diese Gesellschaft aus dem kalten Frühling bald in Richtung Sommer, dann in den Herbst?
**Beckert**: Noch legt das allgemeine Stimmungsbild ja nahe, dass wir [bald alle durchgeimpft sein werden](https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/corona-impfungen-deutschland-impfquote-impffortschritt-aktuelle-karte) und wieder an das gewohnte Leben anknüpfen können, das wir im Frühjahr 2020 brachlegen mussten. Aber dieses Bild erscheint mir als naiv. Zu den jetzt schon absehbaren Folgen und Veränderungen gehört, dass die Ungleichheit zunehmen wird. Aus den Daten, die wir haben, geht klar hervor, dass die unteren sozialen Schichten ökonomisch härter getroffen sind, namentlich Alleinerziehende, Geringverdiener und kleine Freiberufler. Wir müssen mit einem weiteren Konzentrationsprozess in der Wirtschaft rechnen. Außerdem sind die dramatischen Folgen der Pandemie für die Innenstädte abzusehen: Die Büroraumnutzung nimmt stark ab, also auch das öffentliche Leben in den Städten. Durch die Gewöhnung an das Homeoffice wird die sozialdemokratisch hart erkämpfte Trennung von Arbeit und Privatsphäre zurückgenommen, die für Zufriedenheit und Kreativität so existenziell wichtig ist. Das Zusammenkommen in Organisationen als sozialen Organismen wird seltener. Die Pandemie wird nicht einfach vorbei sein, die Vorsicht wird fortbestehen: Die zwischenmenschlichen Begegnungen, durch die das soziale Geschehen von der Liebe bis zur Wissenschaft lebendig wird, werden weiter unter Vorbehalt stehen. Und auch die Staatsverschuldung wird sich nicht ab Herbst in Luft auflösen, sondern vermutlich in zwei bis drei Jahren eine Diskussion über Austerität nach sich ziehen, ähnlich wie in der [Finanzkrise 2008](https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-09/lehman-finanzkrise-henry-paulson-usa), in der viele zu Verlierern werden.
**ZEIT ONLINE**: Die Vereinigten Staaten unter Joe Biden und Kamala Harris begreifen die Pandemie offenbar als Chance, um eine starke Trendumkehr durch den Staat zu vollziehen. Warum geht dort, was hier kaum denkbar wirkt?
**Beckert**: Es ist erstaunlich, wie wenig Aufbruchstimmung durch die Pandemie in unserem Land entsteht. Über gewollte und erwünschte Wandlungsprozesse wird kaum geredet, und kaum jemand sieht, dass sich Raum für Neues öffnet. In den USA war die neue Regierung offenbar gut vorbereitet und hatte ausgearbeitete Alternativen in der Schublade liegen, die sehr zügig umgesetzt werden, indem der Staat sich stark in die Verantwortung begibt. Biden hat darin die einzige Chance erkannt und ergriffen, die fatale Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft zu überwinden. Diese Polarisierung ist gewiss eine Treiberin für Bidens Mut und den jüngsten Aufbruch der Vereinigten Staaten. Die Bundesrepublik hingegen steckt nach den langen Jahren der großen Koalition noch im Mehltau des ewigen Irgendwie-weiter-so fest.